Digitales: Der wallonische Regionalabgeordnete Patrick Spies über die Chancen und Risiken sozialer Medien in der Politik
Von Valentina Born
Selfies aus dem Parlament, kurze Videos aus dem Alltag oder politische Botschaften in Story-Form: Immer mehr Politiker nutzen soziale Medien, um die Bürger direkt zu erreichen.
Gleichzeitig stehen einige Plattformen in der Kritik. So ist die chinesische App TikTok seit 2023 auf internetfähigen Dienstgeräten der Föderalregierung aus Sicherheitsgründen verboten. Doch die zentrale Frage bleibt: Sind soziale Medien eine Chance für mehr politische Kommunikation oder droht die politische Debatte im Wettbewerb um Klicks und Likes an Seriosität zu verlieren?
Laut dem belgischen Statistikamt ist mehr als die Hälfte der belgischen Internetnutzer täglich in sozialen Netzwerken unterwegs. Besonders deutlich zeigt sich dies bei jungen Wählern: In der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen geben 91 Prozent an, politische Inhalte hauptsächlich über Facebook, Instagram oder Tik Tok wahrzunehmen. Klassische Medien wie Fernsehen oder Zeitungen spielen für sie dagegen kaum noch eine Rolle.
Die Politik hat dies ebenfalls erkannt und tritt mehr und mehr über die sozialen Netzwerke mit den Wählern in Kontakt. Für das Jahr 2025 zählte das Forschungsinstitut Crisp rund 25.000 Beiträge. In der Rangliste der Parteien führt der Vlaams Belang mit 4.769 veröffentlichten Beiträgen, gefolgt von N-VA und MR. Es sind längst nicht mehr nur Jugendliche, die sie mit Stories und Beiträgen erreichen.
Dieser großen Reichweite ist sich auch Patrick Spies (PS/SP), ostbelgischer Regionalabgeordneter im wallonischen Parlament, bewusst. „Die Zeit ist vorbei, in der wirklich nur noch die Teenies auf Facebook unterwegs sind. Selbst in der Generation von 50 und selbst 60 aufwärts sind viele, die Facebook haben“, sagt er.
Patrick Spies nutzt ebenfalls soziale Medien, um über seine politische Arbeit zu informieren. Die Ambivalenz sozialer Netzwerke beschreibt er mit den „zwei Seiten einer Medaille“: Einerseits bieten sie ihm die Möglichkeit, die eigene Arbeit und politische Debatten mit vielen Menschen zu teilen und darüber direkt zu kommunizieren. Andererseits warnt er davor, Inhalte aus sozialen Netzwerken unkritisch zu übernehmen. Anders als in klassischen Medien würden politische Beiträge dort meist nicht journalistisch überprüft. Wenn Politiker ihre Positionen selbst veröffentlichten, handele es sich zunächst um ihre eigene Sichtweise.
Algorithmen verstärken Extreme.
Kritische Stimmen verweisen zudem auf die Funktionsweise von Instagram und Co.: Algorithmen bevorzugen besonders polarisierende Posts und bieten den politischen Rändern damit viel Raum. Dass populistische Positionen so hohe Aufmerksamkeit erhalten, bedauert Patrick Spies. Umso wichtiger sei es, dass die Parteien der Mitte sich aktiv an den Diskussionen beteiligten und ihre Positionen verständlich erklärten. „Wenn gemäßigte Stimmen weniger präsent sind, entsteht schnell der Eindruck, dass extreme Positionen dominieren“, so Patrick Spies. „Deshalb ist es wichtig, dass auch die Mitte sichtbar bleibt und konstruktive politische Lösungen aufzeigt“. Außerdem können Algorithmen zu einer einseitigen Meinungsbildung beitragen. Sie sind darauf ausgelegt, ihren Nutzern das zu zeigen, was ihren vorherigen Interessen und Ansichten entspricht. Dadurch können sogenannte „Filterblasen” entstehen, und Nutzer werden vor allem mit ihrer eigenen Meinung konfrontiert und in ihr bestätigt. Andere Sichtweisen werden ihnen vorenthalten, sodass politische Gräben vertieft werden. Aus diesem Grund verschärft sich oft der Ton politischer Debatten, sei es durch polemische Kommentare oder Hassnachrichten auf Politiker. Das sind nicht die beiden einzigen Probleme, die Algorithmen hervorrufen.
Patrick Spies kritisiert auch die Schnelllebigkeit politischer Themen auf Social Media. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, werden komplexe Inhalte oft stark verkürzt dargestellt. Politische Diskussionen würden so schnell oberflächlich.
Nutzer bilden sich eine Meinung, ohne überhaupt genau über ein Thema Bescheid zu wissen. Besonders auf föderaler und weltpolitischer Ebene werde Politik dadurch schnell „schwarz oder weiß“. „Aber Politik ist nicht schwarz oder weiß, sondern meistens der gesunde Kompromiss“, betont der Regionalabgeordnete.
Macht der Plattformen begrenzen
Damit stellt sich die Frage, ob Politik auf die Big-Tech-Konzerne einwirken sollte, damit die Algorithmen die Polarisierung von Inhalten nicht noch zusätzlich befeuern. Patrick Spies sieht die Politik hier durchaus in der Verantwortung: „Viele dieser Plattformen gehören großen Technologiekonzernen und Milliardären, die natürlich ebenfalls eigene Interessen haben“. Er macht deutlich, dass Politik und Gesellschaft genau darauf achten sollten, welchen Einfluss diese Plattformen auf öffentliche Debatten und letztlich auch auf demokratische Wahlen haben können: „Transparenz und klare Regeln sind hier entscheidend.“
Im digitalen Zeitalter ist es für Politiker schwierig, ganz auf soziale Medien zu verzichten. Für Patrick Spies sollten soziale Medien trotzdem nur ein Ort der politischen Kommunikation sein und keinesfalls die klassischen Medien wie Zeitung und Rundfunk ersetzen.
Gerade öffentlich-rechtliche Medien seien wichtig, weil sie einen unabhängigen und möglichst objektiven Journalismus gewährleisteten. Auch persönliche Gespräche, Veranstaltungen und der Austausch vor Ort sind für ihn nicht ersetzbar. „Demokratie lebt vom direkten Dialog zwischen Politikerinnen und Politikern und den Bürgerinnen und Bürgern. Genau dieser persönliche Austausch bleibt auch in der digitalen Zeit unverzichtbar.“
