Ein Küsschen, zwei Küsschen oder doch nur die Umarmung? – Begrüßungsrituale in Belgien
Von Nella Linden und Lisa Niessen
In fremden Ländern wird uns als Urlauber häufig bewusst, wie vielfältig die Formen sind, mit denen Menschen sich begrüßen. Doch selbst innerhalb Belgiens kann die Kontaktaufnahme zu anderen schnell zu Missverständnissen führen.
Es ist kurz nach Mitternacht in Eupen, die Musik dröhnt und bunte Lichter flackern. Wir, Lisa und Nella aus Bütgenbach, schieben uns an der Theke vorbei, noch ein bisschen verloren zwischen bekannten und fremden Gesichtern, bis wir endlich unsere Freundin aus Eupen entdecken. Wie gewohnt geben wir ihr ein Bisou und fragen, wie es ihr geht. Plötzlich öffnet sie den Kreis für uns, sodass wir mittendrin stehen und uns gezwungen fühlen, alle zu begrüßen. Die Wangen kommen uns näher, links, rechts, manchmal nur einmal, manchmal zweimal.
Dazwischen entsteht Verwirrung, weil jemand zum Handschlag ausholt, dann aber die Hand wieder senkt. Wir spüren, wie uns warm wird, und werfen uns einen schnellen, hilflosen Blick zu. Immerhin kann im gedimmten Hallenlicht niemand erkennen, dass wir beide und bestimmt auch einige andere in der Runde rot geworden sind. Noch bevor die Party richtig beginnt, steht die erste Frage im Raum: Wie sagt man hier eigentlich richtig „Hallo“?
Belgien ist ein kleines Land, aber dafür kulturell und sprachlich vielfältig. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der Art und Weise, wie Wallonen, Flamen und Deutschsprachige sich begrüßen, wider. Manche geben sich die Hand, andere begrüßen sich mit einem Wangenkuss oder einer Umarmung.
Das ist je nach Wohnort, Alter oder persönlicher Beziehung anders. Im französischsprachigen Teil Belgiens ist zum Beispiel der Wangenkuss üblich, denn hier ist es normal, sich unter Freunden, Familie und größtenteils auch unter Kollegen ein oder mehrere Bisou(s) zu geben.
Wie eine Umfrage aus dem Jahr 2019 ergab, ist das Begrüßungsküsschen in Flandern selbst unter Freunden im Gegensatz zur Wallonie nur zu 55 Prozent verbreitet. Oft wird sich hier einfach die Hand gegeben oder verbal begrüßt. Allerdings kann es in Flandern durchaus vorkommen, dass man sich im Freundes- oder Familienkreis drei Küsschen auf die Wange gibt.
Am Arbeitsplatz treten die Unterschiede noch deutlicher zutage: Im flämischen Landesteil ist es unter Kollegen üblich, einen gewissen Abstand zu wahren, während das Küsschen in vielen wallonischen Unternehmen ein festes Begrüßungsritual darstellt. Im deutschsprachigen Raum ist das Ganze etwas komplizierter. In der Eifel kommt es oft vor, dass man sich in der Familie zur Begrüßung nur die Hand gibt oder „Hallo“ sagt. Dies ist aber von Familie zu Familie sehr verschieden, je nachdem, wo ihre Wurzeln sind. Unter Jugendlichen ist es so, dass man sich eher mit Worten begrüßt. Abhängig von Alter und Person kommt es ab und zu auch zu einer Umarmung oder einem Bisou.
Dies ist in Eupen und Umgebung zum Beispiel häufig der Fall. Hier gibt man sich unter Frauen ein Bisou und auch die Männer geben den Frauen ein Küsschen. In ganz Ostbelgien folgt nach der Begrüßung meistens ein „Wie geht’s?“ oder ein „Alles klar?“. Geantwortet wird dann im Normalfall einfach mit „Gut“, „Ja“ oder „Und selbst?“. Es geht also gar nicht darum, wirklich ein ernsthaftes Gespräch zu beginnen, diese Frage ist einfach eine Geste der Höflichkeit. Begrüßungen zeigen mehr als nur ein „Hallo“. Sie zeigen, wie Menschen Nähe, Distanz und Freundlichkeit untereinander wahrnehmen. Denn nicht alle empfinden diese Rituale auf die gleiche Weise.
In der Wallonie wirken Begrüßungen oft warm und taktil. Küsschen sind für sie eine natürliche Form des Kontakts. Sie empfinden diese Art als herzlich und persönlich. Ein einfacher Händedruck wirkt bei den Wallonen eher formell oder distanziert. Ganz anders wird das häufig in Flandern wahrgenommen. Dort sind die Begrüßungen eher zurückhaltender und formeller. Für manche ist das angenehmer, weil die persönliche Distanz respektiert wird. Andere wiederum empfinden diese Art der Begrüßung manchmal als kühl. In Brüssel treffen beide Haltungen aufeinander.
Manche begrüßen sich mit Küsschen, andere bevorzugen einen Händedruck oder auf Niederländisch ein Einfaches „Hallo“, „Dag“ oder (sehr informell) ein „Hey“ oder „Hoi“, auf Französisch ein „Bonjour“ oder (sehr informell) ein „Salut“. Am Ende wird deutlich: Begrüßungsrituale sind nicht nur Gewohnheiten. Sie spiegeln wider, wie Menschen Beziehungen einschätzen und zum Ausdruck bringen, mal herzlich und körperlich, mal distanziert und formell, aber immer als Teil des sozialen Miteinanders.
Aber nicht nur in Belgien, sondern rund um den Globus können Begrüßungsrituale sich sehr stark unterscheiden, denn was in einem Land als freundlich gilt, kann in einem anderen schnell für Verwirrung sorgen. In Japan etwa verneigen sich Menschen respektvoll, während man sich in vielen arabischen Ländern zur Begrüßung die Hand gibt und sie länger hält. In Frankreich oder Spanien sind Wangenküsse üblich, die in Nordeuropa hingegen oft als zu intim empfunden werden. In manchen Kulturen gilt direkter Blickkontakt als Zeichen von Respekt, in anderen wiederum als unhöflich.
Zwischen Nähe und Distanz: Wie wir kulturelle Unterschiede meistern.
Doch was passiert, wenn wir uns in verschiedenen kulturellen Kontexten bewegen? Wie gehen wir damit um? Wenn wir uns in einem fremden kulturellen Umfeld bewegen, können unterschiedliche Begrüßungsrituale leicht zu Missverständnissen führen. Deshalb ist es wichtig, offen zu sein, andere Kulturen zu respektieren und zu beobachten, wie Menschen sich verhalten. Durch Anpassung und gegenseitiges Verständnis können wir trotz kultureller Unterschiede besser zueinander finden.
Zu jeder Begrüßung gehört gewöhnlich auch eine Verabschiedung. Diese bleibt in den meisten Fällen jedoch verbal und wird nicht zu persönlich. Man sagt also einfach „Tschüss“ in der Landessprache. Natürlich gibt es auch Abweichungen, je nachdem, ob man sich bald wiedersieht oder nicht. In Ostbelgien sagt man dann zum Beispiel: „Bis bald!“, „Mach’s gut!“, „Auf Wiedersehen!“. Dies ist abhängig von Alter, Herkunft und Beziehung untereinander, denn oft verabschiedet man sich auch genauso, wie man sich begrüßt hat.
Als die Musik langsam verstummt und die Lichter in der Halle heller werden, verabschieden wir uns. Ganz selbstverständlich beugen wir uns zum Bisou vor – kein Zögern mehr, kein verlegenes Lächeln.
