Ärztemangel in Ostbelgien: Ich hätte einen Termin für Sie 2029, passt das?
Wer kennt es nicht, es ist wieder einer dieser Tage, an denen man morgens aufwacht und sich fragt, wieso man gestern Abend auf dem Nachhauseweg keinen Schal mitgenommen hat. Der Hals brennt, die Ohren sind dicht, der Kopf dröhnt und das Rührei mit Speck schmeckt nur noch nach einem labbrigen Etwas. Da hilft nur noch eins: die akribische Suche nach einer Telefonnummer, um schnellstmöglich einen Arzt zu erreichen – eine Aufgabe, die in Ostbelgien mittlerweile ungefähr so realistisch ist, wie ein Einhorn auf dem Marktplatz zu finden.
Von Max Mentior
Wirst du aus der Warteschleife endlich in ein Gespräch weitergeleitet, beginnt die Prüfung. Nachdem du der viel zu freundlichen Sekretärin deine Symptome zum dritten Mal beschrieben hast – in der verzweifelten Hoffnung, möglicherweise doch zwei Tage vor der offiziellen Wartezeit einen Termin zu ergattern – findest du dich schließlich mit dem Termin in drei Wochen ab. Du kannst es kaum erwarten, dich bei einem Arzt deines Vertrauens mitzuteilen – falls du bis dahin noch lebst.
Endlich ist es so weit: Du trittst deinen Termin an, der um 15:00 Uhr stattfinden soll. Im Wartezimmer bemerkst du jedoch schnell, dass du bei weitem nicht der Einzige bist, der wartet. Die zwei Personen vor dir streiten darüber, wer denn jetzt als erstes gehen darf – eine Diskussion, die vermutlich nur entsteht, weil alle hier wissen, wie wertvoll eine Audienz beim Arzt in dieser Region mittlerweile ist.
Geduld üben? Kein Problem! Das ist ein Grundpfeiler des täglichen Lebens in einer Gegend, in der Ärzte so rar sind wie Parkplätze vor dem Supermarkt an einem Samstag. Plötzlich öffnet sich die Tür und du triffst auf die einst so freundliche Empfangsdame, die heute allerdings weitaus weniger sympathisch wirkt.
Kein Wunder – vermutlich jongliert sie gerade mit unzähligen Terminanfragen. Doch das ist dir egal, denn dein Blick richtet sich nur auf die gottesgleiche Gestalt auf einem Thron mit sechs Röllchen. Er ist nicht nur ein Arzt – nein, er ist dein Erlöser. Eine Art medizinischer Heiliger, der dir für wenige Minuten seiner kostbaren, chronisch überbuchten Zeit eine Audienz gewährt.
Er bittet dich darum, dich auf seinen Beichtstuhl niederzulassen und über dein Anliegen zu sprechen. Der Moment der Wahrheit. Die Anspannung steigt, während die mächtige Entität nach einem Stethoskop greift und sich bereit macht, deine Lungen zu untersuchen – Organe, die schon lange nicht mehr mit solch exklusiver Aufmerksamkeit beehrt wurden. Glück gehabt, doch kein Raucherhusten, sondern nur die verschleimte Lunge! Als Nächstes ist dein Rachen dran – genauso rot wie die Zahlen auf deinem Steuerbescheid. Zu guter Letzt deine Ohren – immer noch verstopft, aber das könnte schlimmer sein.
Mehr braucht es nicht, um zu wissen: Du hast eine Grippe. Eine Diagnose, die vermutlich auch ein gut informierter Goldfisch hätte stellen können, aber nur er darf dir die heilige Schriftrolle – das Rezept – aushändigen.
Die gottesähnliche Kreatur verbringt einen Moment am Computer, eine Minute später ist alles getan. Dir wird die Ehre zuteil, dieser Gestalt die Hand zu schütteln und dich zu verabschieden. Wer weiß, wann man sich das nächste Mal wiedersieht – vielleicht in einem halben Jahr, wenn wieder ein Termin frei ist.
Alles, was jetzt zählt, ist die Praxis schnell zu verlassen und eine Apotheke aufzusuchen. Die Prüfung ist überstanden. Bis zur nächsten.
