18. März 2026
MG Sankt Vith

Kommentar: Nennt es beim Namen

Von Sophia George

„Minderjährige Frauen“ – so werden Opfer in Berichten über den Fall Jeffrey Epstein bisweilen bezeichnet. Dabei ist dieses Wort nicht mehr als ein Widerspruch: Frauen sind erwachsen, Minderjährige sind Kinder. Es handelt sich also nicht um minderjährige Frauen, die an „Sex-Partys“ teilgenommen haben, sondern Opfer von organisiertem Menschenhandel und massenhaftem sexuellem Missbrauch geworden sind. Dieser sprachliche Unterschied erscheint vielleicht zunächst gering. Doch genau darin liegt das Problem: Sprache kann Gewalt verharmlosen. Wenn aus Kindern „minderjährige Frauen“ werden, verschwindet die Realität hinter harmlos klingenden Worten. Dieses Muster zeigt sich auch in unserem Alltag. Mädchen werden in Opferkontexten plötzlich als „Frauen“ bezeichnet, während erwachsene Frauen als „Mädchen“ bezeichnet werden, wenn sie herabgesetzt oder lächerlich gemacht werden sollen. Beides entspringt einer alltäglichen Geringschätzung von Frauen und Mädchen, die oft so selbstverständlich geworden ist, dass sie kaum noch auffällt. In den sozialen Medien findet sich unter Bildern und Videos von prominenten Männern der Satz „Guess who’s not in the files.“ Gemeint sind die „Epstein-Files“. Doch das relativiert das Problem. Diese Scherze werden der Seriosität des Themas nicht gerecht, und zudem ist es kein Verdienst, nicht in diesen Akten zu stehen. Es ist keine Heldentat, keine Frauen und Kinder vergewaltigt zu haben. Auch Begriffe wie „Sexskandal“ tragen zur Verharmlosung bei. Natürlich ist es ein Skandal, dass ein mächtiger Mann wie Epstein solche Verbrechen beging und trotz aller Hinweise jahrelang unbehelligt blieb. Doch der Begriff „Sexskandal“ klingt nach einem anzüglichen Einzelfall. Tatsächlich zeigt sich hier vielmehr eine alltägliche Realität, mit der viele Frauen konfrontiert sind. Jeden Tag stirbt eine Frau aus dem Grund, dass sie eine Frau ist. Studien zeigen, dass etwa jede dritte Frau in der EU im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Zehntausende Männer sind in Online-Gruppen, in denen sie Gewaltfantasien teilen oder sich gegenseitig zu sexuellen Übergriffen anstacheln. Es gibt Fälle, in denen Frauen von ihren eigenen Partnern über Jahre hinweg ausgebeutet werden. Sie haben Angst, nachts allein nach Hause zu gehen.

Viele Frauen schrecken davor zurück, sich alleine in einen Bus oder ein Taxi zu setzen, weil erst letzte Woche ein Bericht darüber erschienen ist, wie eine Frau genau in einer solchen Situation von einem Mann getötet wurde. Diese Angst beruht auf Erfahrungen, auf Geschichten und auf einer Realität, die immer wieder bestätigt wird.

Wenn über Täter gesprochen wird, werden sie häufig als „Monster“ bezeichnet. Doch genau dieser Begriff kann falsche Vorstellungen wecken. Er lässt uns glauben, dass Täter keine menschlichen Wesen seien. Tatsächlich sind es aber normale Männer: Männer mit Familie, mit Beruf, mit Freundeskreis. Dieser normale Mann kann auch dein Nachbar sein, der ein „ich bin mir nicht sicher“ als „ja“ interpretiert. Er kann dein Freund sein, der das Kondom beim Sex unbemerkt entfernt. Er kann dein Vater sein, der einem Vorfall von sexueller Belästigung in seiner Firma nicht nachgeht. Er kann der Koch deines Lieblingsrestaurants sein, der einer Studentin zu nahekommt. Vielleicht ist er dein Bruder, der wegschaut, wenn eine Frau in der Bahn belästigt wird. Oder auch du kannst es sein.

Solange sexuelle Gewalt in den Medien, aber auch im alltäglichen Gespräch mit Familie und Freunden sprachlich verharmlost wird, werden die Täter weiter geschützt und die Opfer nicht ernst genommen. Lasst uns Verbrechen beim Namen benennen.

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