18. März 2026
MG Sankt Vith

Wenn das Studium an der Sprache scheitert

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und viele Abiturienten stehen vor einer entscheidenden Frage: Wie soll es nach dem Abschluss weitergehen? Einige haben ein Medizinstudium schon als festes Ziel vor Augen. Wer jedoch in Belgien Medizin oder Zahnmedizin studieren möchte, muss zunächst eine Aufnahmeprüfung bestehen. Im südlichen Landesteil wird diese von der Französischen Gemeinschaft organisiert, im Norden von der Flämischen Gemeinschaft.

Von Sophia Hennes

Der Test besteht aus 80 Multiple-Choice-Fragen aus den Bereichen Biologie, Chemie, Physik, Mathematik sowie Analyse- und Verständnisaufgaben. Die Prüfung findet an einem einzigen Tag von 9.30 bis 17 Uhr statt und ist in zwei Teile gegliedert. Ziel der Prüfung ist es, die Zahl der Bewerber im Verhältnis zu den begrenzten Studienplätzen zu reduzieren. Dabei ist nicht nur das Bestehen der Prüfung entscheidend, sondern vor allem eine möglichst hohe Punktzahl.

Neben der fachlichen Herausforderung stehen viele Schüler aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft vor einer weiteren Hürde: Sie können die Prüfung im frankofonen Landesteil nicht in ihrer Muttersprache ablegen, obwohl Deutsch eine der offiziellen Landessprachen Belgiens ist. Während die Aufnahmeprüfung in Flandern mittlerweile auch auf Deutsch absolviert werden kann, besteht diese Möglichkeit in der Französischen Gemeinschaft nicht. Deutschsprachige Abiturienten müssen den Medizintest somit in einer Fremdsprache ablegen, während andere Kandidaten ihn in ihrer Muttersprache ablegen können. Ein klarer Nachteil in einem Test, den nur die Besten bestehen.

Obwohl Schüler aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft während ihrer gesamten Schulzeit Französischunterricht erhalten, wird von ihnen erwartet, nicht nur ihr naturwissenschaftliches Wissen unter Beweis zu stellen, sondern auch komplexe Aufgabenstellungen in einer Fremdsprache schnell und präzise zu verstehen. Wie stark diese sprachliche Hürde den Test beeinflussen kann, zeigt die Erfahrung einer ostbelgischen Abiturientin, die im letzten Jahr ihren Abschluss an der MG in St.Vith gemacht hat und sich der Aufnahmeprüfung stellte. Laura (18) aus St.Vith nahm Ende August 2025 als eine von rund 6.000 Kandidaten an der Zulassungsprüfung in französischer Sprache in Brüssel teil.

Um sich auf die Prüfung vorzubereiten, wiederholte sie vor allem den Stoff aus der Oberstufe, um ihr Wissen in den naturwissenschaftlichen Fächern aufzufrischen. Dennoch sei der Test für sie nicht nur wegen des Stoffes schwierig gewesen. Vor allem die Sprache habe eine große Rolle gespielt, sagte sie. Zwar seien viele wissenschaftliche Begriffe verständlich gewesen, doch häufig hätten kleine, alltägliche Wörter in den Aufgabenstellungen das Verständnis erschwert. „Ich musste bei fast jeder Frage überlegen, was einzelne Wörter bedeuten und wie der Satz im Zusammenhang gemeint ist“, erklärt sie.

Dadurch habe sie deutlich mehr Zeit benötigt als französischsprachige Teilnehmer. Während diese die Fragen auf Anhieb verstehen könnten, müssten viele deutschsprachige Kandidaten sie zunächst gedanklich übersetzen. Gerade unter Zeitdruck könne dieser zusätzliche Aufwand entscheidend sein. Hinzu komme die starke Konkurrenz: Jedes Jahr nehmen mehrere tausend Bewerber an der Aufnahmeprüfung teil, von denen nur ein Teil einen Studienplatz erhält.

Bei einem solchen Wettbewerb kann schon ein kleiner Zeitnachteil große Auswirkungen auf das Ergebnis haben. Dass der Medizintest anspruchsvoll ist, steht außer Frage, ebenso wie das Studium selbst. Ziel der Prüfung ist es, die besten Kandidaten auszuwählen. Für deutschsprachige Bewerber kommt jedoch die sprachliche Herausforderung hinzu. Für sie stellt sich also die Frage, ob sie unter diesen Bedingungen wirklich die gleichen Chancen auf einen Studienplatz haben wie ihre Mitbewerber. Für Ostbelgien geht es bei der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium nicht nur um eine qualitativ hochwertige Ausbildung, sondern auch um die langfristige medizinische Versorgung vor Ort – eine Herausforderung, die weit über den Testtag hinausreicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert