Einmal um die Welt für den Fußball
Während andere Fans am Wochenende ins Stadion gehen, um ihre Mannschaft anzufeuern, beginnt für Groundhopper oft eine längere Reise. Ihnen geht es nicht allein darum, ein Spiel zu sehen; sie wollen ein neues Stadion für ihre Sammlung gewinnen.
Von Lynn Croé
„Groundhopping“, vom Englischen „ground“ für „Spielstätte“, beschreibt das Dokumentieren möglichst vieler Besuche von Fußballplätzen und Arenen. Ihren Ursprung findet diese Bewegung in den 1970er Jahren in England. Dort begannen die Fans, systematisch Stadien zu sammeln. In den 90er Jahren verbreitete sich dieser Trend auch im Rest Europas. Heute versteht Groundhopping sich als Subkultur zwischen Reiselust, Fußballromantik und Sammelleidenschaft.
Eine Leidenschaft entsteht schon sehr früh.
Die 49-jährige Katja Szislowski-Reucker aus Koblenz war schon Groundhopperin, lange bevor sie wusste, dass es dafür eine Bezeichnung gibt. Fußball, Reisen und das Führen von Listen, diese drei Leidenschaften begleiten sie schon seit ihrer Kindheit. „Vermutlich ist das Hobby für Menschen wie mich erfunden worden“, sagt sie und lacht. Aufgewachsen ist sie auf dem Fußballplatz.

Ihr Vater spielte für den heimischen Dorfverein, genauso wie ihr erster Freund. So verbrachte sie unzählige Stunden auf den Plätzen in ihrer Region. Auch das Stadion des 1. FC Köln wurde schnell zu einer zweiten Heimat. Welches Stadion das erste „abgehakte“ war, kann sie heute kaum noch sagen. Zu selbstverständlich gehörten die Wochenenden am Spielfeldrand dazu. Wirklich gezielt für Spiele zu reisen, begann sie im frühen Erwachsenenalter.
Eine ihrer ersten Touren führte sie nach Kapstadt, ins Newlands Stadium, im Jahr 1998. „Das als ersten richtigen Ground zu zählen, wäre legendär“, erzählt Katja. Systematisch dokumentiert sie ihre Spiele erst seit der Coronazeit, und zwar mithilfe einer App. Viele Spiele aus der Kreisliga-Jugendzeit bleiben allerdings ungezählt, da in der App nur die großen Clubs und keine Amateurligen vertreten sind. Groundhopping bedeutet für sie „die perfekte Mischung ihrer Hobbys und der Kontakt zu Menschen.“ Ob in Dublin, Andorra oder in der Eifel: Überall entstehen Gespräche über Fußball, Stadien und Erlebnisse. Gerade diese Begegnungen machen für sie einen großen Teil der Faszination aus.
Neue Stadien wählt sie nach unterschiedlichen Kriterien aus. Manchmal versucht sie, Ligen zu komplettieren. Häufig verabredet sie sich mit anderen Hoppern, die sie über Social Media kennengelernt hat. Es kommt auch vor, dass sie sich aufgrund von politischer Haltung oder Engagement explizit für Vereine entscheidet. Und manchmal ist es auch einfach die Stadt selbst, die sie dazu bewegt, dorthin zureisen. Auf die Frage, ob sie große oder kleine, unbekanntere Grounds bevorzugt, antwortet sie, das beide ihren Reiz haben.
Zwischen Mythos und Realität
Ground Nummer 150 war das San Siro in Mailand. Ein Mythos, keine Frage: „Von außen hässlich, aber innen beeindruckend, allein wegen der Akustik.“ Genauso begeistert spricht sie jedoch von einem C-Klasse-Platz in Koblenz, einem Hartplatz, der am Spieltag halb unter Wasser stand. Auch moderne Stadien können Eindruck hinterlassen, das von Tottenham beispielsweise. Anders sah es jedoch mit dem Wembley-Stadion in London aus: Das Stadion selbst sei imposant gewesen, doch die Atmosphäre beim Spiel habe sie enttäuscht. „Die Stimmung war unterirdisch. Das würde ich niemandem als Highlight empfehlen.“ Für 2026 wünscht sie sich eine Mischung aus neuen Stadien und besonderen Reisen. Länderpunkte sammelt sie gerne, doch auch das Rahmenprogramm der Reisen muss stimmen.
Grundsätzlich glaubt sie, dass das Groundhopping immer weiter zunehmen wird, nicht zuletzt durch Social Media und die zunehmende Eventisierung des Fußballs. Gleichzeitig ist sie überzeugt, dass gerade die unteren Ligen im Vergleich zu den hochkommerzialisierten Top-Ligen ihren besonderen Reiz haben und vielleicht noch populärer werden. Katja gefällt ein Stadion dann besonders gut, wenn es Charme hat und unperfekt ist oder eine einzigartige Lage aufweist. Sie nennt Henningvaer in Norwegen als Beispiel. Und natürlich braucht es eine großartige Stimmung. Bei der Frage, welches Stadion jeder Groundhopper einmal gesehen haben sollte, braucht sie als treuer Fan des 1. FC Köln nicht lange zu überlegen: „Müngersdorfer Stadion in Köln. Stimmungstechnisch lohnt sich das wirklich. Also herzlich willkommen.“ Und der Traumground? Davon gibt es viele. Am meisten reizt sie jedoch das Stade Armand Cesari von SC Bastia in Frankreich. „Da wollte ich schon als Jugendliche hin“, so Katja. Eine Reise um die Welt für den Fußball. Für sie ist das keine Floskel, sondern ein Lebensgefühl. Zwischen Augenblick, Hartplatz und Weltstadien sucht sie nicht nur neue Grounds, sondern immer auch neue Geschichten.
