20. April 2024
MG St.Vith

Das Leben an einer amerikanischen High School

Viele Schüler haben den Wunsch, nach ihrem Abitur für eine Zeit ins Ausland zu gehen. Aber wie sieht eigentlich die Realität aus, wenn man als Europäer in die USA geht? Zu diesem Thema haben wir die ehemalige MG-Schülerin, Eva Plattes, die zurzeit in Florida eine High School besucht, befragt.

Was hat dich dazu motiviert, ein Auslandsjahr an einer Highschool in den USA zu machen, nachdem du bereits dein Abitur in Belgien abgeschlossen hast?

Ich fand es schon immer spannend, andere Kulturen kennenzulernen und als ich von der Möglichkeit erfahren habe, für ein Schuljahr in ein anderes Land zu gehen und dort richtig in die Kultur, das Leben und den Alltag der Menschen eintauchen zu können, hab ich mich entschieden meinem Traum nachzugehen und mich für das Programm zu bewerben. Für mich stand seit Anfang an fest, in die USA zu gehen, da man durch Filme und Serien vermeintlich viel von diesem Highschool Leben mitbekommt und ich mir selbst ein Bild davon machen wollte. Üblicherweise wird ein Schüleraustausch natürlich während der Schulzeit gemacht, allerdings hätte ich dann das Schuljahr in Belgien wiederholen müssen und ich wollte unbedingt Abitur mit meinen Freunden zusammen machen und mit ihnen in einer Klasse bleiben. Als ich dann eine Organisation gefunden habe, die einen Schüleraustausch auch nach dem Abi anbietet, war ich sehr erleichtert und habe mich direkt beworben.

Welche Erwartungen hattest du an diese Erfahrung, bevor du in die USA gereist bist?

Von ehemaligen Austauschschülern habe ich immer den Tipp gehört, sich keine oder möglichst wenige Erwartungen vor dem Auslandsjahr zu machen, da es meist eh anders kommt als erwartet. Auch wenn ich das versucht habe, ist mir das nur so halb gelungen. Ich denke wenn man lange Zeit von etwas träumt, ist es ganz normal, dass man bestimmte Erwartungen und Vorstellungen davon hat. Ich habe erwartet, das typische Highschool Leben zu haben, wie man es in den Filmen sieht, gute Freunde zu finden, viel vom Land zu sehen und viel mit meiner Gastfamilie und Freunden zu unternehmen.

Wie hast du die ersten Wochen erlebt? Was war schwierig?

Die ersten paar Wochen waren tatsächlich schwerer als gedacht. Ich hatte leider mit Heimweh zu kämpfen und der Kulturschock war dann doch größer als erwartet. Es ist aber total normal sich in der ersten Zeit so zu fühlen, vor allem wenn man es zuhause sehr gut hat. Ich war ganz alleine in einem fremden Land, in dem ich niemanden kannte und auch mit der Kultur noch nicht so vertraut war und wusste, dass ich die nächsten zehn Monate hier verbringen würde. Das war am Anfang schon ein bisschen überfordernd. Die von Austauschorganisationen oft genannte “Honeymoon-Phase”, in der man vor Euphorie nur so sprüht, weil alles neu und aufregend ist, hatte ich leider erst später.

 Wie haben sich diese Erfahrungen bisher erfüllt?

Meine Erwartungen wurden größtenteils erfüllt. Ich habe eine wundervolle Gastfamilie, bei der ich mich seit Tag eins wohlgefühlt habe und die wirklich sehr viel mit mir unternimmt und mich integriert wie ein richtiges Familienmitglied. Wir unternehmen auch viel zusammen und wir haben auch schon andere Bundesstaaten als Florida besucht. Ich habe Freunde gefunden, mit denen ich auch manchmal Sachen unternehme und konnte das typisch amerikanische Highschool Leben kennenlernen und zum Beispiel zu Footballspielen und zum Homecoming Tanz gehen und den “School Spirit” erleben.

Inwiefern unterscheidet sich das Schulleben an einer Highschool in den USA von dem an einer belgischen Schule?

Das Schulleben an einer amerikanischen Schule ist schon ganz anders als das in einer belgischen. Die Schüler und auch Lehrer sind sehr stolz auf ihre Schule und vor allem ihre Sportteams. Jeden Morgen gibt es die “Pledge of Allegiance”, eine Art Treueschwur zur US-Flagge (die übrigens in jedem Klassenzimmer hängt) und der Direktor macht zum Schulstart und -schluss eine Durchsage in der er darüber redet, was an dem Tag und an den darauffolgenden Tagen ansteht, zum Beispiel wann das nächste Basketballspiel ist und in der er den Sportteams zu ihren Siegen gratuliert. Wir haben außerdem nur sechs verschieden Fächer, die wir jeden Tag in der gleichen Reihenfolge haben. Mein Tag sieht also folgendermaßen aus; Kunst, Tanzen, Englisch, Chor, Wirtschaft und dann US Geschichte. Auch die Fächerwahl ist hier breiter gefächert. Wir haben Unterricht von 7:20 Uhr bis 13:40 Uhr. Nach der Schule sind dann die Trainings der verschiedenen Sportteams und zum Beispiel Proben mit der Schulband oder fürs Musical. Hier gibt es keine Unterteilung in A, TQ und B, sondern halt einfach die verschiedenen Fächer, die man dann wählen und sich so seinen Stundenplan zusammenstellen kann. Aus diesem Grund sind in vielen Fächern die Jahrgänge gemischt und man hat dann zum Beispiel als Senior mit Freshmen Unterricht (Highschool sind vier Jahre, die Leute im ersten Jahr sind die Freshmen, dann Sophomore, Juniors und die Abschlussklasse sind Seniors). Dadurch hat man auch keine feste Klasse, mit der man den ganzen Tag Unterricht hat, sondern in jeder Stunde sind andere Leute. Hier wird auch anders als bei uns mit Credits gearbeitet, das bedeutet, dass die Schüler um ihren Abschluss machen zu können, bestimmte Fächer gehabt haben müssen, zum Beispiel Mathe, Englisch, Natur, etwas Kreatives wie beispielsweise Kunst oder Chor, Sport,… um die Credits zu bekommen. Nur wenn sie alle Credits haben erhalten sie ein Diplom. Wann sie diese Kurse belegen ist ihnen bis auf einige Ausnahmen selbst überlassen. Außerdem haben wir hier sehr selten Tests. Wir haben zwischen den Stunden jeweils fünf Minuten Pause um zur nächsten Klasse zu gehen und wir haben nur eine halbe Stunde Mittagspause.

Welche kulturellen Unterschiede oder Herausforderungen hast du bisher während deines Auslandsjahres erlebt?

Auch wenn mein Englisch schon am Anfang recht gut war, kann die Sprache doch manchmal eine kleine Herausforderung darstellen und manchmal wünscht man sich dann doch sich einfach auf Deutsch ausdrücken zu können.

Das Bezahlen in Restaurants ist anders. Man gibt dem Kellner seine Karte, der diese mitnimmt und dann muss man auf der Rechnung unterschreiben, wie viel von der Karte abgehoben werden soll und üblicherweise gibt man ein großzügiges Trinkgeld.

Öffentliche Verkehrsmittel gibt es hier nicht wirklich. Der Schulbus fährt uns zur Schule und nach Hause, aber das war es dann auch. Du bist hier wirklich absolut auf ein Auto angewiesen. Die meisten Jugendlichen machen deshalb mit 16 schon ihren Führerschein.  Was Autos angeht ist mir aufgefallen, dass die Amerikaner gerne große Autos fahren. Hier sieht man fast nur SUVs und große Pickup Trucks.

Auch an Temperaturen in Fahrenheit, Meilen und Zoll anstatt Kilometer und Centimeter und Pfund statt Kilo musste ich mich erstmal gewöhnen. Ich muss zum Beispiel immer noch googlen wie groß ich bin wenn ich das gefragt werde. Auch die Kleider- und Schuhgrößen sind anders als bei uns.

Religion spielt hier eine extrem große Rolle und das auch bei den Jugendlichen. Fast alle die ich hier kennengelernt habe, gehen mindestens einmal, meistens sogar mehrmals die Woche in die Kirche. Die haben hier andere christliche Glaubensrichtungen, die ich vorher noch gar nicht kannte, wie z.B. Baptism.

Die meisten Amerikaner sind wirklich sehr patriotisch und hier sieht man überall US-Flaggen hängen, im Supermarkt, in den Gärten von Privatpersonen, in der Schule, einfach überall wo man hinschaut.

Medikamente und auch Waffen, zum Beispiel Jagdgewehre, kann man hier im Supermarkt kaufen.

Wie integrierst du dich in das Schulleben und die Gemeinschaft an deiner amerikanischen Highschool?

Ich war bis Februar im Step Team der Schule. Ich kannte die Tanzrichtung Step tatsächlich vorher gar nicht und das hat auch nichts mit Steppen zu tun wie ich anfangs dachte. Mit dem Step Team sind wir bei den Football- und Basketballspielen aufgetreten. Seit Februar bin ich im Tennis Team der Schule, was mir wirklich sehr viel Spaß macht. Ich versuche auch viel mit den anderen Schülern zu reden und an den schulischen Aktivitäten teilzunehmen und zu den Sportevents zu gehen und so die Schulteams zu unterstützen.

Wie erlebst du den Unterrichtsstil an deiner amerikanischen Highschool im Vergleich zu deiner Erfahrung an der MG? Was ist in deinen Augen besser? Was war besser in St. Vith?

Wir benutzen hier in der Schule Chromebooks, die jeder Lehrer in seiner Klasse hat und es passiert eher selten, dass wir das Unterrichtsmaterial analog auf Papier bekommen. Das finde ich tatsächlich ganz gut, da meine Schultasche im Vergleich zu meiner Schultasche in Belgien um einiges leichter ist, da ich nur einen Block, ein paar Stifte und mein Mittagessen mitnehmen muss. Außerdem kann ich auch nicht wirklich was zuhause vergessen, weil die Chromebooks, auf denen eigentlich alles drauf ist, was wir brauchen, immer in der Schule bleiben.

Was ich definitiv besser an unserem Schulsystem finde ist, dass wir mehr als nur sechs verschiedene Fächer haben und nicht jeder Tag gleich ist. Das macht die Schulwoche etwas spannender.

Alles was wir hier im Unterricht machen, wird benotet, was dazu führt, dass ein A, also 90% und aufwärts wirklich sehr einfach zu erreichen ist, da die meisten Lehrer nur die Mitarbeit bewerten und du oft 100% bekommst, solange da etwas steht. Tests haben wir verglichen mit der MG wirklich sehr selten und die Tests bestehen auch nur aus Ankreuzfragen, sind also meistens relativ einfach. Das Notizenmachen wie wir es kennen gibt es hier nicht.  

Welche persönlichen Wachstums- oder Lernerfahrungen hast du bisher während deines Auslandsjahres gemacht?

Ich habe definitiv gelernt, wie ich besser mit Heimweh und schlechteren Phasen umgehe. Außerdem musste ich in vielen Situationen aus meiner Komfortzone treten, was sich am Ende aber immer gelohnt hat. Zum Beispiel wurde mir von allen immer gesagt, dass sich die anderen Schüler für Austauschschüler interessieren und auf einen zukommen um zu reden, aber das war bei mir absolut gar nicht der Fall. Wäre ich nicht von mir aus auf die Leute zugegangen, säße ich jetzt vermutlich immer noch alleine da. Außerdem war das natürlich das erste mal in meinem Leben, dass ich für einen längeren Zeitraum nicht bei meinen Eltern lebe, was ein großer Schritt und Teil des Erwachsenwerdens ist. Ich konnte eine neue Kultur entdecken und durch meine Gastfamilie auch andere Familienstrukturen kennenlernen.

Welche Tipps würdest du anderen Schülern geben, die darüber nachdenken, ein Auslandsjahr (in den USA) zu absolvieren?

Ein Auslandsaufenthalt ist nicht immer einfach und so perfekt wie es oft in den sozialen Netzwerken dargestellt wird. Du wirst hier auf unerwartete Probleme und eventuell unerfüllte Erwartungen treffen, aber gerade solche Erfahrungen machen dich stärker. Hier erlebt man, genau wie zuhause auch, Höhen und Tiefen, nur dass die Tiefen oft noch stärker sind und manchmal wünscht man sich seine gewohnte Umgebung einfach zurück. Heimweh ist total normal, versuche jedoch nicht zu sehr darin zu versinken und in einen Teufelskreis negativer Gedanken zu fallen. Mir hilft in solchen Phasen Ablenkung und drüber reden am meisten.

Auch wenn viele Austauschorganisationen anraten, den Kontakt nach Hause zu reduzieren, bin ich der Meinung, dass jeder Mensch verschieden ist und andere Bedürfnisse hat. Mir persönlich tut es gut, regelmäßig mit meiner Familie und meinen Freunden in Kontakt zu sein. Da ist einfach jeder Mensch anders und du musst für dich herausfinden, wie viel Kontakt nach Hause dir gut tut. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Du solltest dich trotzdem auch auf die Kontakte im Gastland konzentrieren und versuchen dort Freundschaften zu schließen, denn Kontakte auf dem Bildschirm ersetzen keine realen Kontakte.

Ein ganz wichtiger Tipp ist, sich nicht mit anderen Austauschschülern oder Reisenden zu vergleichen. Jeder Mensch, jede Gastfamilie und jede Situation ist anders und das ist auch gut so. Es ist dein Auslandsjahr und du erlebst es für dich, nicht für Social Media, nicht für deine Freunde oder Familie, sondern für dich, also mach das, was sich für dich richtig anfühlt und in deinem Tempo. Dein Auslandsjahr ist nicht besser oder schlechter als das der anderen.

Das gilt auch für das Vergleichen von Heimatland und Gastland. Nur weil wir Sachen anders machen, heißt es nicht, dass ein Land besser oder schlechter ist, sondern einfach nur anders. Du gehst schließlich ins Ausland, um andere Dinge und Gewohnheiten kennenzulernen. Wäre alles so wie zuhause hättest du auch zuhause bleiben können.

Nicht jeder Tag ist aufregend und spannend. Es gibt Tage, da liegt man den ganzen Tag nur zuhause rum, genau wie es diese Tage auch zuhause gibt. Du erlebst hier den Alltag und der ist nach einiger Zeit nicht viel spannender als zuhause, also fühl dich nicht schlecht, wenn du auch mal Langeweile hast.

Ein Auslandsjahr verlangt mental sehr viel von dir ab, aber wenn du den Wunsch verspürst ins Ausland zu gehen, dann probiere es aus und lass dir die Angst nicht im Weg stehen. Und denk immer dran, dass jede schlechte Phase, so schlimm und endlos sie in diesem Moment auch erscheinen mag, irgendwann vorbeigeht.

Justine Backes

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