27. März 2026
RSI Eupen

Ein persönlicher Blick auf Flucht, Ankunft und Neuanfang in Ostbelgien

Vier Jahre sind vergangen, seit der Krieg in der Ukraine begonnen hat. Beim Ausbruch glaubten viele nicht, dass die Ukraine lange standhalten würde. Zu dem Zeitpunkt ein plötzlicher Schock, heute ein Teil des Alltags – für diejenigen, die geblieben sind, und für die, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen.

Von Dean Labuschagne

Auch in Eupen haben viele Menschen Schutz gefunden. Um besser zu verstehen, wie sich Flucht anfühlt, wie es ist, plötzlich alles aufgeben zu müssen, und wie die Anpassung an ein neues Leben und eine neue Umgebung aussieht, habe ich mit einem Ukrainer aus Eupen gesprochen. Im Interview erzählt T. K. (18 Jahre alt) von den Geschehnissen und Erfahrungen in der Ukraine, von der Flucht nach Belgien, den ersten Eindrücken in Eupen, den Herausforderungen, die eine solche Reise mit sich bringen, und von seinen Träumen und Wünschen für die Zukunft.

Wie sah dein Alltag in der Ukraine aus, bevor der Krieg begann?

Mein Leben vor dem Krieg war sehr normal. Ich lebte mit meiner Familie in einem kleinen touristischen Dorf am Asowschen Meer. Viele Menschen kamen im Sommer dorthin, um Urlaub zu machen und wir boten kleine Ferienwohnungen für Touristen an. Manchmal half ich meinen Eltern dabei. In meiner Freizeit ging ich oft mit Freunden ans Meer, schwamm oder spazierte entlang der Küste. Außerdem ging ich regelmäßig ins Fitnessstudio, welches nur wenige Schritte von meinem Haus entfernt war.

Welche Aktivitäten haben dir damals am meisten Freude gemacht und kannst du sie heute noch genauso ausüben?

Am meisten Freude machten mir das Reisen, Sport und die Zeit mit Freunden. Diese Dinge kann ich heute auch noch machen, wenngleich sich vieles verändert hat. Die Menschen und Orte sind jetzt verschieden, aber Sport treiben, neue Orte entdecken und Freunde treffen sind weiterhin wichtige Teile meines Lebens.

Gab es einen Moment, in dem du besonders viel Angst oder Unsicherheit gespürt hast?

Einen besonders schwierigen Moment gab es im Jahr 2022 während der Besetzung meiner Heimatregion. Meine Mutter musste wegen ihrer Arbeit beim Staat die Stadt verlassen, und dies mit einer gefälschten Identität. Mein Vater wurde von russischen Soldaten festgenommen, zum Glück nur für zwei Tage. In diesem Moment hatte ich große Angst, weil meine Mutter weg war und ich nicht wusste, was mit meinem Vater passiert ist. Auch ich musste mich verstecken und zu Bekannten in eine andere Stadt gehen. Ein anderes Mal hatte ich große Angst, weil Gerüchte verbreitet wurden, dass ein Atomkraftwerk in der Nähe gesprengt werden sollte.

Wie verlief die Flucht?

Wir kamen Anfang 2024 nach Belgien. Unsere Stadt lag nahe an der Front und wurde häufig bombardiert. Ich sah zerstörte Gebäude, beschädigte Autos und Spuren von Raketenangriffen. Die Reise begann mit dem Zug durch die Ukraine bis nach Polen. Der Zug war voller Menschen – vor allem Frauen und ältere Menschen. In der polnischen Stadt Przemyśl stiegen wir in einen Bus, der nach Dortmund fuhr. Von dort reisten wir weiter mit dem Zug nach Aachen und wurden schließlich mit dem Auto nach Eupen gebracht. Es war also zum Glück eine sehr ruhige Flucht.

Was waren deine ersten Gedanken, als du Eupen erreicht hast?

Mein erster Eindruck war sehr positiv. Mir erschien Eupen als eine kleine, ruhige und sehr schöne Stadt mit freundlichen Menschen und schöner Architektur. Die Sozialarbeiter, Polizei und andere Menschen haben uns freundlich aufgenommen. Auch in der Schule wurde ich gut behandelt und fühlte mich direkt willkommen.

Gibt es etwas aus der Ukraine, das du hier besonders vermisst?

Am meisten vermisse ich meine Freunde. Einige leben noch in der Ukraine, andere sind inzwischen in verschiedenen europäischen Ländern verteilt. Außerdem vermisse ich das Essen, besonders Gerichte wie Pelmeni (mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) oder Borschtsch (Rote-Beete-Suppe).

Was hat dir geholfen, dich schneller einzuleben?

Sehr wichtig ist für mich meine Familie, die ebenfalls hier lebt, und die Schule. Dort konnte ich Menschen kennenlernen und mir die Sprache aneignen. Je mehr Deutsch ich lernte und mit anderen Menschen sprach, desto einfacher und besser wurde mein Leben hier. Ich konnte neue Freundschaften schließen.

Welche Herausforderungen waren die größten für dich?

Die größte Herausforderung war die Kommunikation. Am Anfang konnte ich kaum Deutsch sprechen und hatte es nicht einfach, mit anderen Menschen zu reden. Außerdem fiel mir auf, dass viele Dinge hier langsamer funktionieren, wie zum Beispiel Termine oder bürokratische Abläufe.

Gibt es etwas, das du anderen jungen Geflüchteten mitgeben würdest?

Ich rate anderen Geflüchteten, die Sprache des neuen Landes zu lernen und offen mit Menschen zu sprechen – nicht nur mit Menschen aus dem eigenen Land, sondern auch mit den Einheimischen. Wichtig ist, keine Angst vor einem neuen Leben zu haben, auch wenn es nicht immer einfach ist.

Was bedeutet für dich heute „Zuhause“?

Für mich hat „Zuhause“ heute zwei Bedeutungen: Ein Zuhause ist die Ukraine, wo ich aufgewachsen bin und viele Erinnerungen habe. Das andere Zuhause ist Belgien, wo ich jetzt mit meiner Familie lebe. Zuhause ist vor allem dort, wo die Familie ist.

Was wünschst du dir für die Ukraine?

Ich wünsche mir, dass der Krieg endet und wieder Frieden herrscht.

Wenn der Krieg morgen beendet wäre, würdest du dann in die Ukraine zurückgehen?

Ich würde zunächst die Schule hier abschließen wollen und auch ein Studium absolvieren. Anschließend würde ich sehr gerne zurück in die Ukraine ziehen.

Die Identität des Interviewten wird aus persönlichen Gründen nicht preisgegeben. Das Interview liegt in Audio-Form vor.

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