20. April 2024
BS-TI Sankt Vith (2023)

„Handys und Tablets sind keine Babysitter“

Jeder hat es schon mal erlebt: Man ist irgendwo und sieht, dass in der Nähe kleine Kinder am Handy oder an einem Tablett spielen. Viele Kinder verbringen lieber Zeit vor den Bildschirmen als in der Natur, doch ist es wirklich gut, wenn Eltern ihre Kinder so früh vor die Bildschirme setzen? „Das finde ich persönlich gar nicht gut“, sagt Patrick Lorreng aus Büllingen. Er ist Medienspielpädagoge und Primarschullehrer. „Im Studium (zum Medienspielpädagogen, A.d.R.) habe ich eine kleine Faustregel mit auf den Weg bekommen. Die ist einfach zu behalten: Es ist die sogenannte 3–6–9–12 Faustregel.“

Das bedeutet: kein Bildschirm unter drei Jahren, keine eigene Spielkonsole vor sechs Jahren, kein Internet vor neun Jahren und kein unbeaufsichtigter Internetkonsum vor zwölf Jahren. „Ich denke, wenn sich Eltern schonmal daran halten würden, würde viele Fehler in der Erziehung und kindlichen Entwicklung vermieden“, so Patrick Lorreng. Ganz wegzudenken seien die Medien aber nicht mehr. „Man sollte den Kindern diese Mittel nicht verwehren, sondern viel wichtiger ist es, ihnen einen korrekten Umgang mit Medien zu zeigen und zu ermöglichen.“

Aber ab wann werden Medien gefährlich? „Medien werden dann gefährlich, wenn man sie blauäugig grenzenlos konsumiert“, sagt der 47-Jährige. „Ich denke, dass es mit Medien wie mit allen anderen Sachen zu handhaben ist. Ein korrekter Umgang muss gelebt werden. Wenn ein Kind nur alleine lesen möchte und deshalb nach der Schule keine Freundschaften und soziale Kontakte mehr pflegt, dann ist das genauso schlimm, als wenn ein Kind nach der Schule immer nur Computerspiele spielt. Alles, was man im Übermaß konsumiert, ist irgendwann zu viel und bremst die eigene Entwicklung. Es sollte ein gewisses Gleichgewicht mit anderen Aktivitäten bestehen.“

Eine wichtige Rolle bei der Mediennutzung spielen Algorithmen. Inwiefern sind diese gefährlich? „Bei der heutigen technischen Entwicklung ist es für einen Verbraucher enorm schwierig, sich solchen Algorithmen zu entziehen. Manche finden es ja ganz toll, wenn sie beim nächsten Besuch im Internet schon Vorschläge für ihre nächsten Einkäufe erhalten. Mich persönlich erschreckt es jedes Mal, wie schnell so etwas geht. Kaum hat man zweimal hintereinander nach einer Sache gesucht, bekommt man beim dritten Besuch ja schon Vorschläge. Auch wenn es lästig ist, versuche ich mir immer wieder die Zeit zu nehmen und bei der Frage nach Cookies genau zu entscheiden, was ich akzeptiere und was nicht. Ich möchte nicht komplett gläsern im Internet sein“, antwortet Patrick Lorreng.

Patrick Lorreng ist Medienspielpädagoge und Lehrer in Büllingen (Foto: Privat)

Wie könnten sich Eltern und Schule die Aufgaben bei der Medienerziehung aufteilen? „Zuerst einmal liegt die Aufgabe der Erziehung der Kinder meiner Meinung nach immer an erster Stelle bei den Eltern. Leider stellen Pädagogen in den letzten Jahren fest, dass die Schule immer wieder diese Aufgabe der Kindererziehung mit übernehmen muss. Die Schule kann sich nicht vor dieser Aufgabe drücken und deshalb finde ich es wichtig, dass das Lehrpersonal auch immer technisch auf dem aktuellsten Stand sein sollte und den Kindern in der Schule den korrekten Umgang und auch eine andere Nutzung der Medien zeigen sollte“, meint unser Gesprächspartner.

Eltern seien die ersten Vorbilder, die die Kinder hätten, fügt er hinzu: „Manche Eltern sind sich der Tragweite dieser Funktion gar nicht bewusst. Man sieht schon Mütter, die einen Kinderwagen schieben und dabei in ihr Handy starren. Welches Bild soll dem Kind dann mit so einer Haltung vorgelebt werden? Eltern sollten sich bewusst sein, dass Kinder sich vieles abschauen. Man sollte als Eltern selbst einen guten Umgang mit Medien vorleben, das Handy beiseite legen beim Essen, bei einer Unterhaltung usw. Ganz schlimm finde ich es, wenn Eltern das Handy oder Tablet als Babysitter für ihr Kind gebrauchen.“ Eltern könnten sich nie sicher sein, dass Kinder altersgerechte Medien konsumierten, denkt er.

„Es ist so wie mit vielen Dingen im Leben, man kann seinen Kindern Tipps im Leben mit auf den Weg geben, aber was sie daraus machen, liegt in den Händen der Kinder. Man kann wohl verschiedene technische Vorkehrungen an den Geräten treffen und die Parameter so einstellen, dass die Nutzungszeit und auch die Auswahl der Möglichkeiten begrenzt sind. Das würde ich allen Eltern ohnehin als Tipp anraten, dies unbedingt zu tun.“

Auch Grenzen seien für Kinder wichtig – in der Nutzungszeit und in der Auswahl der Möglichkeiten. „Nicht umsonst gibt es von den Spieleentwicklern und Filmproduzenten Pegi- oder FSK-Angaben auf den Medien. Ich finde, Freiheiten sind ab dem entsprechenden Alter gerechtfertigt und nicht früher.“ Auch eine mögliche Zeitsperre oder eine Kindersicherung für Mediengeräte könnten sinnvoll sein. Ein Regelwerk mache seiner Meinung nach auf jeden Fall Sinn. „Kinder brauchen Regeln, um sich gut zu entwickeln“, so der 47-Jährige. Wie so ein Regelwerk aussehen solle, müsse jede Familie für sich entscheiden, findet er. Möglichkeiten seien zum Beispiel für ihn, dass es medienfreie Momente am Tag geben solle, zum Beispiel beim gemeinsamen Essen. Es solle laut ihm immer ein guter Ausgleich zwischen Schule, sozialen Kontakten, Hobbys und Mediennutzung existieren.

Von Ellen Lejeune – Illustrationsbild: Angelika Warmuth/EPA

Kommentar zum Thema: Handy, gib den Eltern die nötige Ruhe. Amen.