30. Mai 2024
BIB Büllingen (2023)

Von Chicago nach Ostbelgien: Poetry Slam findet auch bei uns Gehör

1984 betritt der Bauarbeiter Marc Kelly Smith eine Bühne in einem Café in Chicago. Alleine mit seiner Stimme, etwas Gestik und einem selbst verfassten Text begeistert er das Publikum. Wenige Jahre später stellt sich heraus: Das war die Geburtsstunde des Poetry Slams. Inzwischen gibt es auf der ganzen Welt solche Veranstaltungen. Auch in Ostbelgien.

Poetry Slam findet auch bei uns Gehör – Fabienne Lux
Poetry Slam findet auch bei uns Gehör – Jenna Drösch

Camille Godesar ist 20 Jahre alt und kommt aus Eupen. Seit drei Jahren schreibt sie selber und macht auch bei Poetry Slams mit.

Poetry Slam und Spoken Word sind nicht dasselbe. Poetry Slam ist eine Art Wettbewerb: „Ein klassischer Poetry Slam läuft immer mit Bewertung ab. Die Künstler haben immer sechs Minuten Zeit, ihren Text vorzutragen und dann wird mit Bewertungstafeln, die im Publikum verteilt werden, abgestimmt, welcher Text am Ende gewinnt oder welche Poetin, welcher Poet“, erklärte Camille Godesar.

Spoken Word hingegen ist die Textgattung, also das, was auf der Bühne vorgetragen wird. Und das kann eigentlich alles sein. „Ansonsten ist das immer sehr frei. Es gibt wenige Begrenzungen oder Beschränkungen. Man kann eigentlich machen, was man möchte. Und ich glaube, wenn man den Mut hat, sich auf eine Bühne zu stellen, dann passt das schon.“

Doch nicht nur der Text alleine ist wichtig. Es kommt auch auf die Gestik und die Art und Weise an, wie man den Text vorträgt. Mit der richtigen Portion Energie und Begeisterung kann also auch ein Einkaufszettel zu Kunst werden.

Jenna Drösch (l.) und Fabienne Lux im Gespräch mit Poetry Slamerin Camille Godesar (r.) im BRF-Studio

Bei Camille hingegen sind es eher persönliche Themen: „Tatsächlich aus alltäglichen Erlebnissen. Also Sachen, die ich einfach erlebe, die mich beschäftigen und bewegen. Ich bin oft sehr politisch und feministisch unterwegs. Und oft auch sehr emotional. Ich glaube, das Wichtigste ist, ist dass man hinter dem Text steht, den man schreibt. Und Themen aufgreift, die einen selber sehr beschäftigen.“

Spoken Word kann also lustig, sinnlos, nachdenklich oder gesellschaftskritisch sein. Auch deswegen ist das Genre bei Jugendlichen beliebt. In Schulen werden inzwischen Workshops angeboten. So hat auch Camille Spoken Word kennengelernt. Zusätzlich gibt es in der Region inzwischen regelmäßig Veranstaltungen, bei denen Künstler ihre Texte vorstellen können.

Seit einem Jahr organisiert und moderiert Camille Lesebühnen in Eupen. Mit der Veranstaltung ‚Stimmcode‘ möchte sie jedem die Möglichkeit geben, aufzutreten. „Es findet komplett ohne Bewertungen statt. Es ist ein sehr transparentes Format, wo die Künstler auch mehr Zeit haben, so etwa zehn Minuten. Ich bin da auch nicht so streng und schaue nicht auf die Uhr. Da hat jeder freie Wahl. Und deswegen unterscheidet sich das von einem klassischen Poetry-Slam.“

Fabienne Lux, Camille Godesar und Jenna Drösch

Das bedeutet weniger Druck für die Künstler, findet Camille. So kann jeder mehr ausprobieren und muss sich keine Sorgen um Bewertungen machen. Jeder kann mitmachen. „Jeder kann bei mir auftreten, der Texte schreibt. Die müssen nur selbst geschrieben sein. Das ist die einzige Voraussetzung. Ansonsten kann sich jeder auf die Bühne stellen. Egal ob Anfänger oder fortgeschritten.“

Vor vierzig Jahren hat ein einfacher Bauarbeiter den Grundstein für Poetry Slam gelegt. Und auch heute braucht es nicht mehr als eine Stimme, etwas Gestik und einen selbstgeschriebenen Text.

Am 22. April findet übrigens im Alten Schlachthof in Eupen die Veranstaltung „Dichter dran!“ statt. Dort treten deutsche und auch ostbelgische Spoken-Word-Künstler auf.

Jenna Drösch und Fabienne Lux

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