20. April 2024
MG St.Vith

„Die Toten öffnen den Lebendigen die Augen“

Katerina Poladjan besuchte am 22. Februar die Abiklasse der MG und sprach über ihren Roman „Hier sind Löwen“. Wir sind einer freundlichen und warmherzigen Frau begegnet, die nicht zu uns, sondern mit uns gesprochen hat, über ihr Schreiben, über das armenische Volk, über Kunst und Literatur.

Der Titel des Romans hat eine besondere Bedeutung. Auf alten römischen Karten stand „hic sunt leones“ für unerforschte Gebiete außerhalb der Stadt, also übersetzt „hier sind Löwen“. Der Löwe als Symbol für das gefährliche Unbekannte erinnerte daran, die Grenzen nicht zu überwinden, weil außerhalb Gefahren lauern. Es ist eine Metapher für Leerstellen in der eigenen Biografie, für die Stellen, wo man sich nicht hinwagt, weil das, was man dort entdecken könnte, die eigene Lebenswelt ins Wanken bringen würde. Aber die Autorin ist sich sicher: Gegenwart kann man nur bewältigen, wenn man sich der Vergangenheit stellt. „Es sind die Toten, die den Lebendigen die Augen öffnen.“

Die Hauptfigur, eine Deutsche mit russisch-armenischen Wurzeln, begibt sich auf eine Reise nach Armenien. Als Restauratorin hat sie sich für ein Praktikum in einer Buchbinderwerkstatt in Jerewan, der armenischen Hauptstadt, entschieden. Mit einem Foto, das ihre Mutter Sara ihr mitgegeben hat, begibt sie sich auf die Suche nach Vorfahren in das Heimatland ihres Großvaters.

Zunächst lässt sie sich treiben in der neuen unbekannten Welt, sie lernt Menschen und ihre Geschichten kennen, beginnt eine Affäre mit einem Armenier, der als Soldat in Bergkarabach kämpft. In einem Heilevangeliar entdeckt sie eine Randnotiz „Hrant will nicht aufwachen“. Helen erdenkt sich die Geschichte der beiden Geschwister Anahid und Hrant, die vor dem Grauen des Mordens in ihrer Heimat fliehen, durch die Fremde irren, hungern und leiden.

Die Geschichte von Mord, Flucht und Exil nimmt Konturen an und taucht aus dem Vergessensein auf. Es ist eine fiktive Geschichte, aber sie hat sich so oder ähnlich tausendfach zugetragen. 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, wurden Hunderttausende Armenier von der türkischen Armee bestialisch ermordet, vertrieben.

Doch die ans Herz gehende Geschichte der beiden verfolgten Kinder ist nicht allein ein (fiktives) Zeugnis der Verbrechen an Menschen von 1915, sie steht auch für alle Menschheitsverbrechen, die leider heute in der Gegenwart aktueller denn je sind, wenn Kinder getötet oder vertrieben werden, voller Hass oder traumatisiert aufwachsen, weil ihnen Brutalität und unmenschliches Leid widerfährt.

Evelina, die Gastgeberin der Restauratorin in Jerewan, findet die passenden Worte für Helens Suche nach ihren Wurzeln: „Am Ende sind sie eine von uns, und gemeinsam vertreiben wir die Löwen.“ Schließlich beendet Helen ihre Suche nach einem Teil ihrer Vergangenheit und sie kehrt zurück in ihre Heimat Deutschland. Die Gegenwart, das gewohnte Leben, hat sie wieder eingeholt; Das armenische Volk kennt seit vielen Jahrhunderten Unterdrückung und Verfolgung.

Autorin Katerina Poladjan

Heute im 21. Jahrhundert ist es vielleicht bedrohter als je zuvor. Tausende Armenier mussten ihre Heimat Bergkarabach verlassen. Sie wurden vertrieben, als das aserbaidschanische Militär das Gebiet besetzte. Ohne Schutzmacht Russland wird der armenische Staat zunehmend von seinen Nachbarn Türkei und Aserbaidschan bedroht und die Existenz des armenischen Volkes als nicht erwünscht gesehen. Die Zukunft ist ungewiss und niemand interessiert sich für das Volk. Das Land hat keine Ressourcen, die Begehrlichkeiten wecken, so werden ihm keine Unterstützung und kein Schutz zuteil. Zudem leidet Armenien am Verlust junger Fachkräfte und Akademiker, die das Land verlassen, um in Europa oder den USA ein besseres Leben führen zu können. Armenien blutet aus, die schon vorhandene Armut wächst, das Land leidet unter Arbeitslosigkeit und Rassismus. Jerewan ist ein Zufluchtsort für Vertriebene aus Bergkarabach, Syrien und auch Russland geworden.

Aus Nachbarländern, wo Krieg herrscht und Menschen mundtot gemacht werden, strömen Flüchtlinge in die Stadt, die aus den Fugen gerät.

„Es gibt keinen Grund für Rassismus“

Die Autorin vertritt eine deutliche Haltung nicht nur zu der Verfolgung und Unterdrückung der Armenier, sondern aller Völker und Gruppen, die aus irgendeinem Grund, sei es politische Ansicht, Religion oder Hautfarbe, diskriminiert, verfolgt, vertrieben und getötet werden: „Dafür gibt es keinen Grund. Es gibt keinen Grund für Rassismus“.

Die Autorin versteht Kunst und Literatur nicht als fertiges Produkt, das allgemein zugänglich und verständlich ist. „Kunst und Literatur sollten Fragen stellen statt Antworten liefern.“ Lesen ist eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Text. Der Leser tritt in eine aktive Beziehung mit dem Text, er wird herausgefordert, Bekanntes in Frage zu stellen und sich neuen Gedanken zu öffnen. Gerade in den Dialogen ist Poladjans Sprache atmosphärisch verdichtet und fordert den Leser heraus, nachzudenken. Was Ilse Aichinger sagt, gelte auch für ihr Schreiben: „Ein Text ist immer das, was er sagt, aber er ist vor allem, was er nicht sagt“.

Marie Schwall und Anne Christen

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